Erfahrungsbericht Uwe T.
ERFAHRUNGSBERICHT UWE T.
Meine Geschichte begann vor langer Zeit, als ich eines morgens mit einem merkwürdigen und ziemlich unangenehmen Ziehen im Mund aufwachte. Mit der Zunge erforschte ich den schmerzenden Bereich und bemerkte auch gleich seitlich des Backenzahns am Zahnfleisch eine Wölbung, die am Vortag noch nicht da war und von der der Schmerz ausgehen musste. Ich wusste sofort, was los war und machte mich sogleich mit einem mulmigen Gefühl auf den Weg zum nächsten Spiegel, um die betreffende Stelle genauer unter die Lupe zu nehmen. Dabei merkte ich, dass über Nacht die Wange angeschwollen war. Ich hatte eine dicke Backe! Der Gedanke an die bevorstehende Behandlung beim Zahnarzt löste bei mir heftiges Unbehagen und auch Angst aus, wie das wohl bei jedem anderen 8-jährigen in so einer Situation auch der Fall gewesen wäre.
Am Nachmittag ging es dann mit meiner Mutter zum Zahnarzt. Die Praxis war mir nicht unbekannt, war ich hier schon früher regelmäßig in Behandlung gewesen, ob nun einfach nur zur Kontrolle oder zum Beheben von kleinen Löchern. Was den Arzt anging, so wirkte er auf mich mit seinem grimmigen Blick, seiner dicken Hornbrille und der mir damals kaum verständlichen gebrochen deutschen Brummsprache äußerst unsympathisch. Unter anderen Lichtverhältnissen hätte er bestimmt jedes kleine Kind durch bloßes Anstarren zum Weinen bringen können. Zu allem Überfluss war dieser Mann nicht unbedingt mit einer großzügigen Sensibilität gesegnet, zumindest schien er für mich nicht viel davon für übrig zu haben. In gewohnter Manier unternahm er zunächst einen halbherzigen Rettungsversuch des eitrigen Zahns, legte aber schnell den Bohrer wieder zur Seite und ging zu seiner favorisierten Hau-Ruck-Behandlung über. Er setzte ein Betäubungsspritze, wartete, und legte schließlich die Zange an. Der Schmerz, der dann folgte, habe und werde ich nicht vergessen! Es war der reinste Alptraum, denn er unterbrach den Vorgang mehrmals und setzte dann wieder die Zange an, was meine Situation nur noch verschlimmerte. Ich glaubte, mein gesamter Unterkiefer würde mir bei lebendigem Leib herausgerissen. Ich muss ziemlich laut geschrieen und geweint haben, denn die Patienten im Wartezimmer haben mich beim Verlassen der Praxis sehr entgeistert und fast schon verstört angestarrt.
Nach ein paar Tagen glaubte ich dieses eigentlich harmlose Ereignis verdaut zu haben. Es sollte sich aber als massiver Irrtum herausstellen. Dass sich dieser Tag beim Zahnarzt auf mein weiteres Leben in einem solchen Ausmaß auswirkt, konnte ich nicht erahnen.
Nach einem dreiviertel Jahr meldete mich meine Mutter und meinen Bruder zu einer Routineuntersuchung beim Zahnarzt an. Noch ehe dieser Satz ganz ausgesprochen war, hatte ich einen Pulsschlag, den ich in dieser Höhe bei mir selber noch nicht festgestellt hatte. Ich schreckte zusammen, wurde kreidebleich und merkte, wie ich von einem förmlich sichtbaren Schleier aus furchtbar lähmender Angst eingekesselt wurde. Noch bevor jemand meine Angst bemerkte, täuschte ich eine Beschäftigung vor und verließ den Raum. Ich wollte den Eindruck erwecken, als ob dieser kommende Termin beim Zahnarzt nichts Besonderes wäre.
Als ich alleine war, sah ich, wie meine Hände zitterten. In jeder Faser meines Körpers konnte ich den hämmernden Pulsschlag wahrnehmen. Das Atmen fiel mir schwer, so, als ob mir jemand einen Gürtel um den Brustkorb geschnallt hätte. Innerlich war ich wie gelähmt, konnte keinen klaren Gedanken fassen. In meinem Kopf mischten sich plötzlich reale Bilder aus vergangenen Behandlungen mit imaginären fiktiven Horrorszenarien aus der Sicht einer dritten Person. Mich überkam ein Gefühl der totalen Angst, einer unendlichen Hilflosigkeit und des totalen Ausgeliefertseins. Es war niemand da, mit dem ich hätte sprechen können. Nur ich und diese schrecklichen Horrorgedanken. Und irgendwann würden diese Horrorvisionen Wirklichkeit werden. Es war nur eine Frage der Zeit. Es gibt kein Entkommen, irgendwann würde ich diese bestialische Prozedur über mich ergehen lassen müssen, das war mir plötzlich klar. Als ich nach wie vor zitternd und schwer atmend dastand und meine Phantasie neue Schreckensbehandlungen in der Zahnarztpraxis konstruierte, realisierte ich langsam, dass der Termin für dieses unausweichliche Irgendwann bereits genau feststand. In knapp zwei Wochen sollte es soweit sein. Mich packte die Panik. Ich zog die Schuhe an und rannte aus dem Haus. Den restlichen Tag streunte ich durch die Wälder, ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen zu haben. Gegen Abend kam ich wieder Zuhause an. Die Intensität meiner Schreckensgedanken über den baldigen Termin hatte nachgelassen und ich hatte mich wieder etwas gefasst. Immerhin war der Termin erst in knapp zwei Wochen. Bis dahin würde sich alles wieder normalisieren, dachte ich mir. Während des Abendessens versuchte ich mich so unauffällig wie möglich zu verhalten und so blieb auch meine innere Aufgewühltheit unbemerkt.
Ich ging in mein Zimmer und versuchte zu schlafen. Meine Gedanken aber kreisten um den anstehenden Termin beim Zahnarzt, den ich demnächst wahrnehmen musste. Nervosität und Unruhe stellten sich wieder ein. Ich spürte, wie sich erneut dieses unangenehme, mulmige Gefühl in mir aufbaute. Dann stellte ich mir vor, dass bereits morgen der entscheidende Tag in der Praxis wäre, an dem mich dieser zum Monster mutierte Mensch im weißen Kittel mit seinen spitzen, scharfen, metallischen, seltsam gebogenen, perfiden Instrumenten mit Schmerzen überhäuft, die man nirgendwo sonst am Körper so intensiv spürt wie in der Nähe eines Zahns. Vor meinem geistigen Auge spielte ich den Ablauf durch. Die Tür zur Praxis ging auf und mir wehte der typische beklemmende sterile Geruch einer Zahnarztpraxis entgegen. Ein Geruch, der mir durch bloße Gedanken das Blut in den Adern gefrieren ließ. Es ist einfach diese Mischung aus Desinfektionsmitteln, abgeschliffenem Zahnschmelz, der eigentlich nicht wahrnehmbare Duft von Blut, Eiter, der faulende Geruch von gezogenen kariösen Zähnen, die scharf riechenden Wund- und Behandlungsflüssigkeiten, die zusammen mit dem Angstschweiß der meisten Patienten ein Konglomerat ergeben, welches bei mir jetzt ein fürchterliches Angstgefühl hervorruft.
Gedanklich meldete mich nun meine Mutter in der Praxis an und wir begaben uns in das Wartezimmer, wo bereits ein paar Patienten auf ihre Behandlung warteten. Im Hintergrund war leise dieses schrille und markdurchdringende Geräusch des Bohrers zu hören. Kurz darauf kam ein junger, ängstlich wirkender Mann aus dem Behandlungsraum in das Wartezimmer, der erzählte, daß er jetzt hier ein paar Minuten warten müsse bis die Betäubung wirke, da ihm gleich ein Zahn gezogen werden würde.
An dieser Stelle brach ich den Ablauf der Vorstellungen vor meinem geistigen Auge ab. Jetzt saß ich im Bett, Atmung und Herzschlag rasten. Ich muss hinzufügen, dass sich die Beschreibung der Situation im Wartezimmer tatsächlich während einer meiner vergangenen Behandlungstermine so ereignet hat. Jetzt hatte ich diese Situation aber aus einer anderen Betrachtungsweise sozusagen "nachgespielt", was bei mir nun einen völlig anderen Effekt zur Folge hatte. Meine Hände zitterten. Mir wurde langsam klar, dass sich meine ehemals normale Angst vor zahnärztlichen Behandlungen innerhalb von mehreren Monaten latent in eine Richtung entwickelt hatte, die weit jenseits der normalen "gesunden" Zahnarztangst eines Durchschnittsmenschen liegt. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Krampfhaft versuchte ich meine Gedanken auf ein angenehmes Thema zu lenken, um wenigstens ein paar Stunden zu schlafen.
Die folgenden Tage drehten sich eigentlich nur um den immer näher rückenden Termin. Hin und wieder gelang es mir an etwas anderes zu denken. Je mehr Zeit verging, desto besser gelang es mir, dieses Thema zu verdrängen, und auch die Angst ebbte langsam ab. Die kindliche Unbefangenheit stellte sich allmählich wieder ein, obwohl der entscheidende Tag immer näher rückte. Ich kann es mir heute nur so erklären, dass für mich zumindest schon unbewusst feststand, dass ich zu vereinbartem Zeitpunkt nicht in der Zahnarztpraxis sein würde. So kam es dann auch.
Am Nachmittag war der Termin in der Praxis. Meine Mutter und mein Bruder machten sich langsam bereit, zogen sich an und putzten sich die Zähne, da sie ebenfalls einen Termin hatten. Ich dagegen machte keine Anstalten, auch nur irgendwas zu machen. Dafür stieg mein Angstpegel wieder enorm an. Kurz darauf zog ich die Schuhe an, rannte aus dem Haus und streunte wieder durch den Wald. Es war ein merkwürdiges Gefühl, denn eigentlich sollte ich jetzt genau in diesem Augenblick im Wartezimmer auf meine "Hinrichtung" warten. Statt dessen war ich mitten im Wald, umkreiste einen willkürlich ausgewählten Baum und hatte die gleiche Angst, als ob ich mich im Wartezimmer befinden würde. Erst nach Stunden flaute das Gefühl der Angst mehr und mehr ab und wich einem Gefühl der Erleichterung. So, als ob ich langsam realisierte, dass ich dem qualvollem Treiben in der Zahnarztpraxis entkommen war. Ich verschwendete keinen Gedanken an die Zukunft, nur der Augenblick zählte. Und das war ein heftiger Anflug von Erleichterung. Gegen Abend kam ich dann wieder Daheim an. Natürlich sorgte mein Handeln angesichts des absichtlich "verpassten" Zahnarztbesuchs unter meinen Geschwistern für lange Diskussionen. So kam es, dass ich für die nächsten Tage innerhalb der Familie den Titel des Angsthasen mit sämtlichen sinnverwandten Bezeichnungen tragen musste. Ich habe mich dagegen nicht großartig gewehrt, weil ich mir insgeheim eingestehen musste, dass ich sogar ein großer Angsthase war. Sobald man sich diesem Thema näherte, verließ ich einfach den Raum. Nach einer Woche etwa kehrte die Normalität wieder ein und alles ging seinen gewohnten Gang. Keiner dachte mehr an diesen Vorfall der letzten Woche, auch ich nicht.
Es verging ein knappes Jahr bis mein Name neben den meines Bruders wieder im Terminkalender der Zahnarztpraxis stand. Meine Mutter hatte mich angemeldet. Ich merkte, wie sich wieder dieses von mir so verhasste mulmige Gefühl aufbaute. Aber diesmal war es eine relativ kurze Prozedur, da ich mir vorgenommen hatte, keinen Fuß mehr in eine Praxis zu setzen. Als meine Mutter meinte, dass ich dieses Mal auf jeden Fall mitkommen werde, schüttelte ich nur den Kopf. Es war ein ziemliches hin und her, aber ihre Argumente, dass es sich nur verschlimmert, je länger man den Zahnarztbesuch hinauszögert, prallten an mir ab. Auf diese Ohr war ich taub. Für mich gab es für die nächste Zeit keine Zahnarztpraxis, kein Wartezimmer und keinen Zahnarzt. Am Abend während des Abendessens war ich das Gesprächsthema Nr. 1, denn schon wieder hatte ich einen Pflichttermin einfach so nicht wahrgenommen. Natürlich fühlte ich mich sehr unwohl in der Rolle des Angeklagten. Es dauerte nicht lange, bis man feststellte, dass ich jetzt schon seit fast 1,5 Jahren keine Zahnarztpraxis mehr von innen gesehen hatte.
Neben den obligatorischen Bezeichnungen wie Angsthase kamen diesmal noch schreckliche Geschichten dazu. So wurde etwa der Fall einer Nachbarin bis ins kleinste Detail geschildert, die seit längerer Zeit nicht mehr beim Zahnarzt war und deshalb viele Behandlungen über sich ergehen lassen musste, wobei auch ein paar Zähne "unter schrecklichen Schmerzen herausgerissen wurden." Oder die Geschichte einer jungen Mutter, die eine ähnliche Vorgeschichte hatte, jedoch hier war gleich ein längerer Aufenthalt in einer Zahnklinik nötig, da eben irgendwelche Komplikationen während der ohnehin schon "kaum mehr auszuhaltenden" Behandlung aufgetreten waren
Wegen der sehr plastischen Schilderungen meiner älteren Geschwister war ich innerlich kurz vorm Umkippen und kämpfte mit einer heftigen Übelkeit. Äußerlich machte ich einen eher gelassenen Eindruck, als ob mir so was nicht passieren könne. Der Schein trog, die Geschichten hatten mich sehr mitgenommen, und ich gestand mir insgeheim ein, dass mir so etwas mit großer Wahrscheinlichkeit auch passieren könnte, denn ich hatte in absehbarer Zeit nicht vor, irgendwas an diesem Verlauf zu ändern. Ich besann mich wieder darauf, dass ich von solchen Situationen verschont bliebe, da ich ja keinen Fuß in eine Praxis setzen würde. Ein völliges Abschalten der Geschichten war aber nicht möglich.
Vor dem Schlafengehen schaute ich mir meine Zähne zum ersten Mal genauer an. Als ich an einem Backenzahn eine größere Kariesstelle entdeckte, durchfuhr mich schlagartig eine Panikattacke. Ich sah mich schon auf einer Trage liegend, die in den OP einer Zahnklinik geschoben wurde. Und wieder hatte ich ein heftiges Gefühl der Angst und Hilflosigkeit. Auf der einen Seite hatte ich mir zwar vorgenommen, nie mehr wieder eine Zahnarztpraxis geschweige denn eine Zahnklinik zu betreten, andererseits war da an einem Zahn dieses schwarze Etwas, um das sich im Grunde alles drehte, das sich langsam aber sicher unaufhaltsam ausbreitete, bis es schließlich am Nerv angelangt war und dort Schmerzen verursachen wird, die ich mir nicht auszumalen wagte. Von da an war für die nächste Jahre die Angst mein ständiger Begleiter. Es verging keine Woche, in der ich nicht in irgendeiner Weise an meine besondere Situation gedacht habe.
Die Familie hat sich im Laufe der Zeit scheinbar damit abgefunden, dass ich nicht mehr zum Zahnarzt gehe, denn nach den üblichen Routineuntersuchungen meiner Geschwister wurde das Thema – wenn überhaupt – nur kurz angeschnitten.
Zwischenzeitlich hatte ich auch eine längere Phase von etwa einem Jahr, in der ich so gut wie keine Zahnbürste benutzte. Ich redete mir ein, dass sich für mich dadurch keine Konsequenzen ergeben. Ich verweigerte geradezu alles, was irgendwie mit Zähnen zu tun hatte.
Gelegentlich wurde ich mit besonderen Situationen konfrontiert, so z.B. in der Schule, als in einer bestimmten Jahrgangsstufe ausgiebige Untersuchungen der Schüler stattfanden. Unter anderem wurden auch die Zähne eines jeden Schülers mit fachkundigem Blick untersucht. Das ähnelte durchaus einer Untersuchung beim Zahnarzt und führte bei mir bereits beim Anblick meiner untersuchten Klassenkameraden zu Herzrasen und Angstausbrüchen wie in vergangenen Jahren. Als ich vor dem Arzt stand versuchte ich den Mund so weit wie möglich geschlossen zu halten, damit der Arzt so wenig wie nur irgendwie möglich von meinem Gebiss sehen konnte. Natürlich blieb ihm der große Kariesdefekt nicht verborgen und er sagte mit ernstem Blick, dass ich unbedingt zum Zahnarzt gehen muss, da ich ein großes Loch hätte, das behandelt werden muss. Ich antwortete, dass ich bereits nächste Woche einen Termin hätte. Damit war die nervenaufreibende Angelegenheit für mich vorbei.
Im Laufe der nächsten Jahre hat sich meine im Hintergrund vorhandene Angst gewandelt. Eine Zahnarztbehandlung fürchtete ich nicht mehr, denn niemand auf der Welt wird sich jemals wieder an meinen Zähnen zu schaffen machen. Das Thema Zahnarzt existierte für mich einfach nicht mehr. Es war vielmehr die Angst vor dem schrecklichsten der schrecklichen Fälle, nämlich der Katastrophenfall. Was mache ich nur, wenn sich plötzlich von heute auf morgen entzündet und unter Eiter steht? Und irgendwann wird sich so was ereignen, es war nur eine Frage der Zeit. Ein kurzer Blick in den Spiegel bestätigte mir, dass das Schicksal den Weg Richtung Katastrophenfall bereits eingeschlagen hatte und an dessen Ende Schmerzen auf mich zukommen, die ich mir als mittlerweile 15jähriger nur ansatzweise vorstellen mochte. Es war schrecklich. Ich fragte mich, wie lange ich wohl den Schmerz eines eitrigen Zahns ertragen konnte. Ein paar Tage? Vielleicht eine Woche? Oder gar Monate? Da ich bereits einen eitrigen Zahn hatte, wusste ich, dass kein Mensch über einen Zeitraum von mehreren Wochen diesen Schmerz aushalten kann. Ein Zahnarzt kam aber definitiv nicht für eine Lösung in Frage. Nach langen Überlegungen gab es nur eine einzige Möglichkeit, den Schmerz eines eitrigen Zahns auszuschalten. Es war eine dramatische Lösung, die -–bei korrekter Durchführung – nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte und darüber hinaus alle anderen weniger brisanten Problemchen mit beseitigt. Sozusagen eine endgültige Entscheidung. Der Plan sah vor, dass ich freiwillig aus dem Leben trete, wenn dann also diese Situation eintreten würde. Ich möchte anmerken, dass ich in diesem Lebensabschnitt über längere Zeiträume sehr bedrückt und niedergeschlagen war. Ein nicht unerheblicher Grund an meiner labilen psychischen Verfassung in dieser Zeit war eben, dass neben dem belastenden und nun schon sehr lange anhaltenden Thema Zahnarzt auch noch die Schwierigkeiten meiner nicht weniger komplizierten Pubertät hinzugekommen sind.
Wenn also der Katastrophenfall einträte, würde mein Plan umgesetzt werden und so diese ausweglose Situation lösen. Dieser Plan war fest in mir verankert und konnte bei Bedarf jederzeit ausgepackt und umgesetzt werden. Irgendwie war es für mich auch eine große Erleichterung zu wissen, dass ich eben nur relativ kurz Schmerzen ausgesetzt sein würde, wenn dann schließlich der große Tag kommen sollte.
Die Jahre vergingen, ohne dass sich auch nur das geringste Wehwehchen an meinen Zähnen gezeigt hatte. Das Thema Zahnarzt war aber für mich immer mehr oder weniger aktuell, ebenso die damit verbundenen Ängste. Während der Pubertät merkte ich, dass es mir nicht möglich war, Selbstvertrauen zu entwickeln. Ich fühlte mich nicht frei, war ein Gefangener dieser Angst. Ich konnte mich im Gegensatz zu anderen nicht entwickeln und entfalten. Ich wollte anders sein, wollte mich verändern, aber es ging nicht, da diese tickende Bombe in mir war, die jederzeit zu explodieren (oder in diesem Fall zu eitern) drohte. Nicht selten erlebte ich Tage der totalen Resignation. Dennoch gab ich nach außen hin vor, dass mit mir alles in Ordnung ist.
Die Zeit verging. Ich war jetzt bereits seit 13 Jahren nicht mehr bei einem Zahnarzt. Ab und zu dachte ich sehr lange über meine Situation nach und bedauerte nun plötzlich zutiefst, dass ich in meiner Kindheit an diesem besonderen Zahnarzttermin davongelaufen war. Mir war inzwischen klar geworden, dass eine Behandlung vor 13 Jahren (oder selbst vor nur 10 Jahren) ein Kinderspiel gewesen wäre im Vergleich zu einer Behandlung, die mich im jetzigen Zustand erwarten würde, denn der Verfall zweier meiner Zähne schritt unaufhaltsam fort. Schon vor Jahren verlor ich den letzten Milchzahn. Jetzt wusste ich aber, dass es damals "nur" massiv zerstörte Milchzähne waren, die sich irgendwann mit etwas Nachhilfe von alleine verabschiedeten. Nun waren aber zwei Zähne betroffen, die richtig tiefe Wurzeln hatten. Und diese dunklen tiefen Kariesdefekte waren sehr groß. Der davon ausgehende Geruch machte sich zunehmend bemerkbar. Selbst bei noch so häufigem Zähne putzen dominierte der üble Geruch der kariösen Zähne. Wenn ich Umgang mit Leuten hatte, benutzte ich Unmengen von Kaugummi. Jedes Gespräch, das in kurzer Distanz geführt wurde, war mir unangenehm und ich wurde sehr wortkarg.
Beziehungen kamen für mich aufgrund dieser Umstände nicht in Frage. Das war ein zusätzliche Belastung, da man spürt, dass man auf etwas sehr Wichtiges verzichtet. Tatsache ist, dass die Lebensqualität in einem hohen Maß negativ beeinflusst wird. Die Folge war, dass sich die Wochen der Bedrücktheit und Niedergeschlagenheit immer häufiger bemerkbar machten. Hin und wieder versuchte ich trotz allem, meinen vor längerer Zeit ausgeheckten Plan zu überdenken. Dabei suchte ich nach Lösungen, wie ich dieser ausweglosen Situation entkommen kann, ohne dass ich den Einbahnstraßenplan umsetze. Gelegentlich gingen mir sogar Gedanken durch den Kopf, doch einfach mal in eine Zahnarztpraxis zu gehen und mich trotz der zu erwartenden schmerzhaften und langwierigen Sitzungen behandeln zu lassen. Natürlich sollte der Arzt vorher unter vier Augen genaustens informiert werden über meinen Zustand.
So kam es also eines Tages, dass ich in einer seltenen Mutphase entgegen meinem ursprünglichen Versprechen freiwillig eine Zahnarztpraxis betrat! Beim Öffnen der Tür schlug mir sofort der typische Geruch entgegen und ich verspürte das gleiche Gefühl wie vor zig Jahren mit allen dazugehörigen Merkmalen einer entsetzlichen Angst. In nur einem kurzen Augenblick war mein Mut restlos verpufft. Mit großen Augen und langsamen Schritten ging ich zur Information und sagte, dass ich mich behandeln lassen möchte. Die Frage, ob ich einen Termin habe, verneinte ich. Mit meinen Gedanken hatte ich die Praxis bereits wieder verlassen. Noch bevor ich die Tür von außen zumachte, verneinte ich auch die zweite Frage, ob ich mir einen Termin geben lassen möchte.
Während der Heimfahrt hatte ich zittrige Hände. Die Tür zum Behandlungszimmer stand offen und so konnte ich teilweise sehen, wie sich der Arzt mit dem Bohrer an einer jungen Patientin zu schaffen machte. Das Geräusch des Bohrers war wie auch in der Vergangenheit schrecklich. Dieser Tag hat mich wieder auf den Boden der Realität zurückgeholt. Es folgte eine extreme Bedrücktheit. Ich konnte es nicht verstehen, selbst kleine Kinder lassen sich beim Zahnarzt behandeln, nur ich, der schon 22 Jahre alt war, lief wie ein riesengroßer Feigling davon. Ich konnte es nicht glauben. Wut und Traurigkeit wechselten sich bei mir ab.
Für die nächsten 5 Jahre war mein ursprünglicher Katastrophenplan wieder die einzige Möglichkeit, dieses Problem zu lösen. In dieser Zeit wurden meine Gedanken stetig subversiver und selbstzerstörerischer. Das 26. Lebensjahr hatte ich jetzt überschritten, ohne dass sich irgendwelche Zahnschmerzen bemerkbar gemacht hätten. Lediglich beim Kauen verspürte ich Schmerzen, da ein Backenzahn eben dieses großes Loch hatte und Essensreste auf den Nerv drückten. Da der Stich beim Kauen bereits vor Jahren zum ersten Mal auftauchte, benutzte ich seitdem nur noch eine Seite meines Gebisses. Das funktionierte auch wunderbar. Doch dann brach auf der vermeintlich gesunden Seite ein kleines Stückchen eines Backenzahns ab. Ein Blick in den Spiegel offenbarte mir eine Kariesstelle von gewaltigem Ausmaß. Die Karies hatte den Zahn von innen tief ausgehöhlt und jetzt brach Stück für Stück ab. Ich war entsetzt, verzweifelt und hatte panische Angst. Über Stunden war ich wie gelähmt. Die Umsetzung meines Plans stand höchstwahrscheinlich unmittelbar bevor, glaubte ich. An den folgenden Tage konnte ich an nichts Anderes mehr denken. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Für die nächsten Wochen hatte meine Stimmung einen Tiefpunkt erreicht. Ich war regelrecht am Boden zerstört. Äußerlich zwar mehr oder weniger normal, aber im Inneren breitete sich die Resignation aus. Von fester Nahrung habe ich mich dann nach und nach gezwungenermaßen abgewendet, da ein normales Kauen nur noch mit Schmerzen möglich war.
Wieder verging einige Zeit. Es ergab sich dann die Gelegenheit für mich im Internet zu stöbern. Ich klickte mich von Link zu Link, ohne eine bestimmtes Ziel zu verfolgen. Im Nachhinein denke ich, dass es kein Zufall war, dass ich plötzlich auf einer Website gelandet bin, die einen Fragebogen über Zahnarztangst zeigte. Dieses Stichwort veranlasste mich, gezielt im Internet nach Informationen zu diesem Thema zu suchen. Nach kurzer Zeit landete ich auf einer Seite, die sich ausführlich mit der Angst von Patienten vor Zahnbehandlungen beschäftigte. Dabei wurde ich zum ersten Mal mit dem Begriff Oralophobiker konfrontiert, zu denen ich zweifelsohne auch gehöre. Ich realisierte sehr schnell, dass dies eine ausgezeichnete Möglichkeit war, zum allerersten Mal einem anderen Menschen, womöglich sogar einem Zahnarzt, meine verzweifelte Situation zu schildern. Dennoch hat es mich große Überwindung gekostet, eine Email zu schreiben, in der ich offenbarte, dass ich seit knapp 20 Jahren nicht mehr in zahnmedizinischer Behandlung war.
Ich war der felsenfesten Überzeugung, dass es in einem so zivilisierten Land wie Deutschland, in einer so modernen Zeit, keinen Menschen gibt, der meine traurige Rekordzeit von fast 20 Jahren ohne Zahnarzt überbieten konnte. Die tags darauf zurückkommende Email sollte mich eines besseren belehren. Diese kurze Antwort war wie ein kleines Wunder für mich. Nicht nur, dass der Zahnarzt, von dem die Antwort kam, erst vor kurzem die Behandlung eines Patienten nach über 20jähriger Praxisabstinenz erfolgreich abgeschlossen hat und ihn wieder glücklich machte, darüber hinaus teilte er mir mit, dass die Situation in meinem Fall nur halb so schlimm sei.
Nach langen düsteren und belastenden Jahre sah ich endlich einen kleinen, nicht mehr zu hoffen gewagten Lichtpunkt am Ende des Tunnels. Ich wusste nicht, wie mir geschah.
Eine gewaltige Hoffnung keimte in mir auf.
Im nächsten Brief machte er den Vorschlag, ich solle doch einfach mal vorbeikommen, dann könne er sich ein Bild vom Zustand meines Gebisses machen und mit mir in aller Ruhe die weitere Vorgehensweise besprechen. Vielleicht könnte auch mit dem Einstieg in eine Behandlung begonnen werden. Natürlich alles auf freiwilliger Basis.
Allein die Tatsache, dass er als Zahnarzt wusste, wie es um mich steht, hat mir unheimlich geholfen. Darüber hinaus beschäftigte er sich schon seit langer Zeit mit Oralophobikern und weiß bestimmt, was es heißt, wenn man furchtbare Angst vor Zahnbehandlungen hat, ging es mir durch den Kopf. Mein Entschluss stand fest. Wenn es überhaupt einen Menschen gab, der mir helfen konnte, dann war es dieser Zahnarzt, der mir mit seiner kurzen Email wieder Hoffnung schenkte. Dann hat er mit mir einen Termin vereinbart. Für mich stand sofort fest, dass bereits an diesem ersten Tag definitiv mit einer Behandlung begonnen wird. Egal, was passiert. Wie das letztendlich geschehen sollte, darüber machte ich mir keine Gedanken.
Zum ersten Mal betrachtete ich eine Zahnarztpraxis nicht als Ort von Schmerz und Pein, sondern als ein Ort, an dem verzweifelten Menschen wie mir geholfen wird. Ich sah es als einzigartige Chance, sich mit meiner Angst auseinanderzusetzen und meine Vergangenheit als erbärmlicher Angsthase hinter mir zu lassen. Ich war es so leid, regelmäßig von Gedanken des Katastrophenfalls heimgesucht zu werden. Ich sehnte den ersten Abend nach einer Behandlung geradezu herbei. Mir war klar, dass ich erst dann wirklich frei sein würde, wenn ich diese gewaltige Hürde in Form einer erfolgreich abgeschlossenen Behandlung bewältigt hätte.
Dann war es soweit. Ich machte mich auf die Reise und fuhr zu dieser Praxis. Erstaunlicherweise hatte ich keine Angst als ich die Praxis betrat. Ebenso am Abend davor. Beim Öffnen der Praxistür ist mir sofort aufgefallen, dass der eigentlich typische Geruch einer Praxis nicht vorhanden war. Der Arzt begrüßte mich freundlich und kurz darauf ging ich mit ihm in ein Besprechungszimmer. Dort erzählte ich ihm von meinen Sorgen, Ängsten und Befürchtungen, die er mir – soweit es eben möglich war – genommen hatte. Anschließend ging es dann ins Behandlungszimmer, wo er sich dann einen Überblick über den Zustand meiner Zähne verschaffte.
Es war ein äußerst merkwürdiges Gefühl wieder auf einem Behandlungsstuhl zu liegen. Noch vor ein paar Wochen hätten mich keine 10 Pferde in diese augenblickliche Lage bringen können, die ich als die fürchterlichste Situation im Leben eines Menschen angesehen hatte. Der Höhepunkt war aber an diesem Tag noch nicht erreicht.
Nach der weiteren Vorgehensweise befragt, sagte der Arzt, er möchte die zwei beschädigten Backenzähne ausbohren – OHNE Betäubung.
Für einen kurzen Moment war ich sprachlos und fragte mich, ob er weiß, was er vor hatte. Diese beiden Zähne sahen für einen Laien wie mich fürchterlich zerstört aus und die Karies hatte tiefe Löcher verursacht. Meines Erachtens konnte der Zahnnerv nur um Haaresbreite von der Bohrstelle entfernt sein, dachte ich. Ich willigte ein.
In mir hatte sich in der kurzen Zeit viel Vertrauen aufgebaut und ich spürte, dass dieser Zahnarzt sehr genau wusste, was er macht und was er einem Angstpatienten zumuten kann uns was nicht.
Mein Gefühl sollte mir Recht geben, denn alles, was in dieser und in den kommenden Behandlungen auf mich zukam, war nur zu meinem Besten. Es folgten noch ein paar weitere Behandlungen, bis schließlich mein Gebiss wieder einwandfrei war.
Abschließend möchte ich noch ein paar Zeilen an all jene Menschen richten, die sich gegenwärtig in einer ähnlichen oder gar der gleichen Situation befinden wie ich während meiner langen unnötigen Leidenszeit. Aber auch Patienten, für die jede Behandlung immer von neuem eine ungeheure Überwindung ihrer Angst bedeutet, möchte ich sagen, dass durch intensive Auseinandersetzungen mit dem Thema Zahnarztangst der zukünftige Gang zum Zahnarzt zu einer angstfreien Angelegenheit werden kann.
Im ganzen Bundesgebiet gibt es inzwischen spezialisierte Zahnärzte, die Hilfestellung geben und ausführlich Fragen beantworten. Allen Betroffenen, die schon seit längerer Zeit nicht mehr in Behandlung waren, möchte ich sagen, dass – auch wenn die Situation aussichtslos erscheint – ihnen geholfen werden kann. Jede noch so kompliziert erscheinende Behandlung kann so gut wie schmerzfrei durchgeführt werden. Alles geschieht auf freiwilliger Basis. Der Arzt wird sich viel Zeit nehmen und alles, was Ängste hervorruft, mit dem Patienten besprechen. Auf Wunsch kann sich der Patient Erklärungen zu den Behandlungsschritten geben lassen. So wird zusätzlich Angst abgebaut und der Schrecken vor unbekannten "Arbeiten" im Mund reduziert. Ein besseres Verständnis für die erforderlichen Behandlungen wird zudem ermöglicht.
Daß ich nach knapp 20 Jahren den Mut hatte, nicht nur eine Praxis zu betreten, sondern auch die erste Behandlung ohne Betäubung machen zu lassen, führe ich darauf zurück, dass neben dem vorhandenen Vertrauen zum behandelnden Zahnarzt ich mich lange mit dieser ersten Behandlung und den möglichen Schmerzen auseinandergesetzt hatte. Ich wollte dieses angstvolle Kapitel ein für alle mal beenden und mich der Angst stellen anstatt davon zu laufen. Dafür war ich bereit, Schmerzen in Kauf zu nehmen, die letztendlich aber nur in einem geringen und erträglichen Ausmaß vorhanden waren. Die nach einer abgeschlossenen Behandlung überwundene Angst und die resultierende Zufriedenheit sollten jeden Angstpatienten dazu bewegen, Mut zu fassen und den ersten Schritt zu machen.
Heute betrachte ich eine Zahnarztpraxis nicht mehr als Ort des Grauens, sondern als eine Einrichtung, in der Dank der modernen Medizin ein wichtiger Bestandteil des Menschen – das Gebiss – wiederhergestellt wird.
Der kaum wahrzunehmende Einstich von modernen Betäubungsmitteln als einziger Schmerz während einer Behandlung steht in keinem Verhältnis zu einer langjährig eingebüssten Lebensqualität.
Also, schiebt diese Angelegenheit nicht vor Euch her, sondern geht es noch heute an!
Abschließend möchte ich noch anmerken, dass ich hoffe, dass der Zahnarzt, der meinen angstvollen Leidensweg damals vor 20 Jahren eingeleitet hat, zum Wohle aller Patienten nicht mehr praktiziert und dass er in seinem nächsten Leben seine Fähigkeiten für eine erfolgreiche Karriere als Metzger nutzt.
Glücklicherweise sind solche Zahnärzte aber die Ausnahme. Dass es im Gegenzug hervorragende Zahnärzte gibt, habe ich während dieser Behandlungen erfahren können. Neben einer ausgezeichneten und kompetenten Behandlung steht die Gesundheit des Patienten an erster Stelle und nicht wie so oft der maximale Gewinn durch schnelle Abfertigung im Behandlungszimmer.
Ich möchte mich ganz herzlich bei meinem Zahnarzt bedanken, der mir zu einem neuen Lebensgefühl ohne Angst vor Zahnarztbehandlungen verhalf und mir die zuvor eingeschränkte Lebensqualität in vollem Umfang zurückbrachte.
Wer direkten Kontakt mit dem Verfasser des Erfahrungsberichtes aufnehmen will, kann ihn erreichen unter Angstantwort@gmx.de.

