Erfahrungsbericht Sonja R.

ERFAHRUNGSBERICHT SONJA R.

Die Angst vor einer zahnärztlichen Behandlung wucherte seit meinem ersten Zahnarztbesuch, in mir wie ein metastatischer Tumor. Diese Angst zerfraß mich buchstäblich wie Säure von innen, mit jedem Jahr, mit jedem Zahnschmerz. Schuld daran war nicht unbedingt der oben genannte erste Besuch beim Zahnarzt, der kurz vor meiner Einschulung stattfand, sondern meine Mutter, ich nenne sie Frau X. Sie hat selbst panische Angst vor dem Zahnarzt und flößte mir immer wieder Horrorgeschichten ein, wie qualvoll, schmerzlich und mit unendlich viel Blut bespickt so ein Besuch war. Der damalige Arzt, ich nenne ihn Dr. E., war sehr nett, konnte mit ängstlichen Kindern, wie ich eines war, gut umgehen, verstand tröstende Worte zu sprechen. Wenn Frau X nicht im Sprechzimmer dabei gewesen wäre, wäre mir die Zahnarztphobie sicher erspart geblieben. Ich fing bei der Behandlung an zu weinen und sie schnauzte mich an, ich solle gefälligst still sein und mich nicht so anstellen. Ich schaute sie verständnislos an, sie, die selbst die größte Angst vor dem Zahnarzt hatte, zeigte hier nicht das kleinste bisschen Verständnis. Während sogar Dr. E. Frau X zu beschwichtigen versuchte, und mir weiterhin beruhigende tröstende Worte spendete, tobte sie wie ein Orkan weiter. Sie müsse sich für mich schämen, usw. Selbst auf dem Nachhauseweg und zu Hause musste ich mir ihre Vorwürfe weiter anhören. Bei diesem Besuch fand der Zahnarzt nichts Großartiges, er reinigte lediglich die Zähne und weißte sie. Aber da saß die Angst schon felsenfest in mir, wenn ich bei solch einer Kleinigkeit schon so empfindlich reagierte, wie sollte es erst bei ernsteren Sachen sein. Eines stand fest, mit meiner Alten würde ich keinen Zahnarzt mehr aufsuchen.

Die nächsten Jahre ging es gut, damals kam einmal im Jahr der Schulzahnarzt und bestätigte mir gesunde Zähne. Bis zum vierten Schuljahr, diesmal bekam auch ich einen gelben Zettel verpasst. Aber keine zehn Pferde brachten mich in eine Zahnarztpraxis, zumal sie gleich wieder mit ihren Horrorgeschichten anfing. Eines Morgens, kurz vor Weihnachten, wachte ich dann mit pochenden unerträglichen Zahnschmerzen auf, ich heulte vor Wut und Angst. Was sollte ich nun tun? Bis zum Abend vergingen sie zwar wieder. Aber von da an traten immer wieder mal in kürzeren, mal in längeren Abständen Schmerzen auf. Mittlerweile beendete ich die Schule und erlernte den Beruf der Arzthelferin. Für mich sehr hilfreich, wenn mich irgendwann wieder eine Zahnschmerzattacke überfiel. Endlich wusste ich, welche Schmerzmittel halfen. Mit 18 startete ich den nächsten Versuch eines Zahnarztbesuches, ich verabredete einen Termin, dummerweise erzählte ich meinen Eltern davon, keine Ahnung welcher Teufel mich da geritten hatte, kaum dass ich geendet hatte, leierte mir Frau X wieder die Ohren voll mit Zahnarzt-Horrorgeschichten. Dazu kam noch die Bemerkung, dass ich sowieso lieber wegbleiben sollte, wenn ich mich mit meiner Angst nicht blamieren wollte. Dabei grinste sie hinterhältig mit ihrem schon damals zahnlosen Mund.

Drei Jahre später passierte das Gleiche. In meinem Ferienjob in einer Fabrik bekam ich plötzlich heftige Zahnschmerzen, die ich mit Tabletten stoppen konnte. Ich erzählte einer ehemaligen Schulfreundin von meinem Problem, C. arbeitete bei einem Zahnarzt und bestärkte mich, er würde sehr einfühlsam mit ängstlichen Patienten umgehen, ich solle einfach einen Termin vereinbaren. Ich schaffte es tatsächlich bis in die Praxis, C. war am Empfang, begrüßte mich strahlend und sagte, ich könne gleich dableiben, ein Patient hätte gerade abgesagt. Nein, das ging mir dann doch zu schnell! Ich schob, einen wichtigen Termin vor und ließ mir für die kommende Woche einen geben. Es sollte ein Freitag sein. Die ganze Woche über dachte ich kaum daran, d. h. ich versuchte diesen Besuch zu verdrängen. Am Donnerstag bat mich dann mein Vater, ich sollte ihm tags darauf etwas erledigen, ich erklärte ihm, dass ich einen Termin bei Dr. R. habe. Ausgerechnet in diesem Moment kam Frau X zur Tür herein und bekam dies mit. Wieder fing sie mit ihrer Litanei an, wie schmerzvoll und qualvoll so ein Besuch wäre und ob ich mir das antun wollte. Dann folgte eine detailreiche Schilderung wie sie beinahe bei ihrem letzten Besuch, der mit Sicherheit mehrere Jahre zurücklag, verblutet wäre. Als I-Tüpfelchen setzte sie wie üblich drauf, dass ich zu feige wäre, ich die Behandlung durch mein feiges erbärmliches Wesen vermiesen würde. Danach erfolgte wieder ihr dämliches hinterhältiges Grinsen aus zahnlosem Mund. Angewidert wandte ich mich ab. In diesem Augenblick hasste ich sie zum ersten Mal abgrundtief. Ihr allein hatte ich diese Zahnarztphobie zu verdanken. Wie sehr musste sie ihr eigenes Fleisch und Blut hassen, dass sie ihm so weh tat??? Beinahe heulend rannte ich zum Telefon und sagte den Termin ab, d.h. ich rief meine Schulfreundin zu Hause an, ich hatte nicht mal mehr den Mut in der Praxis anzurufen. Das war dann mein letzter Versuch einen Zahnarztbesuch zu absolvieren.

Mittlerweile hatte ich einen sehr lieben Freund, der auch mein heutiger Ehemann ist. Er ging zum Zahnarzt, als ginge er nur eben mal zum Bäcker um Brötchen zu holen. Beneidenswert! Irgendwann erzählte ich ihm von meiner Angst, aber ganz nachvollziehen konnte er diese nicht. Ich erfand immer wieder Ausreden um nicht zum Zahnarzt zu müssen. Tabletten halfen mir wie üblich über diverse Schmerzattacken hinweg. Bei Entzündungen schluckte ich Tabletten mit entzündungshemmendem Wirkstoff (Diclofenac, Ibuprofen). Während ich die ersten Jahre wenigstens eine Zahnarztpraxis aufsuchen konnte um einen Termin für meinen Mann und meine Tochter zu vereinbaren, so versagte ich eines Tages auch dabei kläglich. Mein Mann H. ging zu Dr. R.. Er nahm unsere Tochter mit zur Behandlung, mit ihr absolvierte ich alle anderen Arztbesuche, Krankenhausaufenthalte, aber Zahnarztbesuche, nein da bekam ich schon bei dem bloßen Gedanken, Schweißausbrüche, Schwindel, Brechreiz und das große Zittern. H. nahm mir diese Belastung ab und trug mit dazu bei, dass unsere Tochter N. keine panischen Attacken wie ihre Mutter ausgesetzt war, sondern ein normales Patient-Zahnarzt-Verhältnis entwickelte. Als ich den o.g. Termin ausmachen wollte, musste ich einen Moment warten, da ertönte aus dem Behandlungszimmer plötzlich ein Geräusch, der Bohrer, begleitet von einem Stöhnen. Das war’s. Ich stürmte wie von Sinnen schweißgebadet aus der Praxis, ohne Termin. Den besorgte sich mein Mann kopfschüttelnd selbst, nun zweifelte er wohl auch an meinem Verstand. Von da ab betrat ich keine Zahnarztpraxis mehr, Termine wurden über Telefon verabredet. Mein Gebiss hatte sich in der Zwischenzeit in einen desolaten Zustand verwandelt.





Im Frühjahr 2001 geschah es dann, ein Alptraum wurde wahr. Durch einen Unfall, mein Pferd schlug mir mit einem Kopfstoß einen vorderen Schneidezahn aus, und so war ich von einer Minute zur anderen entstellt. Mit der hässlichen Zahnlücke fiel ich sofort auf, jeder sprach mich darauf an, vor allem, warum ich keinen Zahnarzt konsultierte. Die Ausreden „keine Zeit, kein Geld“ klangen unglaubhaft. In den ersten vier Wochen besaß ich trotz allem noch genügend Selbstbewusstsein und konterte entsprechend, dachte für mich selbst, es gibt Schlimmeres als eine Zahnlücke, aber die Bemerkungen wurden immer bissiger, ich traute mich kaum noch den Mund aufzumachen, das Lachen war von da an für mich tabu, es sei denn hinter vorgehaltener Hand. Ich bedauerte, dass ich keiner Religion angehörte, die Frauen vorschrieb, einen Schleier zu tragen. Schon kurz nach Verlust des Zahnes und mit jedem Tag mehr steigerte sich der Hass auf Frau X ins Unermessliche, was sie mir mit ihren Horrorgeschichten und ihrem Unverständnis angetan hatte. Ich wünschte ihr nun in der Tat nichts Gutes mehr. Monate vergingen, und noch immer lief ich mit der Zahnlücke herum.

Im Sommer bekam ich dann Internetanschluss und recherchierte unter Zahnarztphobie. Ich verglich verschiedene Berichte, ließ mir Informationsmaterial zusenden und schickte eine e-mail an Dr. M.. Dieser mailte zurück, dass ich mich gerne nach seinem Urlaub melden könne um alles Weitere zu besprechen. Ich entschied mich ihn zu konsultieren, brauchte aber noch zwei Monate um endlich einen Termin auszumachen. In der Zwischenzeit hatte ich jegliches Selbstbewusstsein verloren, sagte sogar ein Klassentreffen ab, weil ich mich mit der Zahnlücke nicht zum Gespött machen wollte. Normalerweise bin ich kein Mensch, der zu Hause in der Bude sitzt, sondern ständig aktiv und viel unterwegs ist und Sport treibt. Letzteres behielt ich bei, denn ich joggte ohnehin im Dunklen, da fiel es nicht auf. Mein Mann sagte mir einmal, ich solle mich nicht verrückt machen, er liebe mich auch mit Zahnlücke, wegen ihm bräuchte ich nicht auf den gefürchteten Zahnarztstuhl. Aber ich konnte mich selbst nicht mehr sehen und der Hass auf Frau X wogte wieder auf und schwappte über. Ich sprach dann am Telefon mit Dr. M., schilderte meine Ängste und meinen derzeitigen Zustand. Dieser Zahnarzt bewirkte schon beim Telefonat, dass ich ruhiger wurde und die Angst abschwächte. Er war mir von seinem einfühlsamen und ruhigen Wesen sofort sympathisch und auch die Sprechstundenhilfe war sehr freundlich.

Am 22. November war es dann soweit. Leichte, aber wirklich nur leichte Panikschübe befielen mich einige Tage vorher, aber ich verdrängte sie, lenkte mich mit Arbeiten, meinen Hobbys und Laufen ab. Morgens stieg ich dann entspannt in den Zug, d.h. ich sprintete zum Gleis um den ICE noch zu erwischen, denn Pünktlichkeit ist eine Schwäche, die ich bisher nie in den Griff bekam und auch nie bekommen werde. Nach drei Stunden war ich dann am Ziel, hatte aber noch eine gute Stunde Zeit bis zum Termin.

Endlich betrat ich die Praxis, wurde freundlich empfangen und musste auch nicht lange auf Dr. M. warten. Zuerst führte er ein Gespräch mit mir und betonte immer wieder, dass keinerlei Zwang bestehe, er jeder Zeit die Behandlung abbrechen würde, wenn es mir zuviel wurde. Das galt selbst nach dem kurzen Einführungsgespräch, bei dem er nochmals nach den Ursachen fragte. Als ich erwiderte, dass ich am liebsten alles in Betäubung gemacht bekäme, noch besser in Vollnarkose, da belehrte er mich freundlich und lächelnd. Bei einem Patient, der lediglich Blut abgenommen bekäme, würde man auch keine Vollnarkose machen. Ich entschied mich für die Weiterbehandlung. Dr. M. strömte eine solche Ruhe aus, die sofort auf mich Angsthase einwirkte. Was sollte nun schon noch passieren. Die größte Hürde hatte ich überwunden, indem ich eine Zahnarztpraxis betreten hatte und nun sogar im Behandlungsraum saß.
Und nun war es soweit. Ich stand vor dem gefürchteten Stuhl, ein leichter typischer Zahnarztpraxisgeruch war zu spüren, aber er hielt sich in Grenzen. Leise Musik rieselte aus den Lautsprechern, selbst im Behandlungszimmer wurde man auf diese Weise entspannt. Zuerst wurde eine Röntgenaufnahme gemacht. Dann nahm ich auf dem gefürchteten Stuhl platz. Irgendwie hatte ich den ganz anders in Erinnerung.
Dr. M. informierte mich vor jedem Eingriff, wie er vorgehen würde, immer wieder mit der Betonung, jederzeit aufzuhören, wenn ich dies signalisieren würde. Zuerst erfolgte die Reinigung der Zähne. Das eiskalte Wasser verursachte schon eine Gänsehaut, sämtliche Zähne taten mir weh. Ich verkrampfte mich dermaßen, dass ich zitterte, aber auch da wirkte Dr. M. beruhigend auf mich ein, und ich entspannte mich allmählich wieder. Als nächstes erfolgte dann ein Abdruck. Zugegeben es gibt angenehmere Gefühle, aber es ging vorbei und ich lebte noch! Dann kam der Höhepunkt, ein Wurzelrest wurde entfernt, die Betäubungsspritze wirkte schnell und nach maximal fünf Minuten war es überstanden.
Viel gespürt hatte ich nicht, empfand nur den Tampon im Mund als unangenehm, unangenehmer als das Ziehen selbst. Diese Minuten wurden zur Ewigkeit. Aber auch sie verrannen und ich wurde befreit. Das Schlimmste hatte ich überstanden. Nun musste ich noch auf die Prothese warten, die vom Labor geliefert wurde.

In der Zwischenzeit vertrieb ich mir die Zeit mit Telefonieren und quatschte mit meiner Freundin, erzählte ihr begeistert von dem super Zahnarzt, der nun wohl endlich meine Phobie beseitigt hätte. Ich fühlte mich spitze, war von einem unwahrscheinlichen Glücksgefühl umgeben. An diesem Tag hatte ich wirklich eine Meisterleistung vollbracht. Das verdankte ich Dr. M. Die Prothese wurde gebracht und eingesetzt. Ein herrliches Gefühl, endlich wieder mit Zahn! Ich hätte vor Glück die Wände hochgehen können. Das Sprechen bereitete zuerst Schwierigkeiten, aber auch das besserte sich. Ich vereinbarte mit Dr. M. die Behandlung weiterzuführen. Aber erst einmal fuhr ich beglückt nach Hause. Eine sehr nette Geste von Dr. M., seine Arzthelferin fuhr mich zum Bahnhof, damit ich noch rechtzeitig den Zug erwischte. Auch dafür nochmals meinen allerherzlichsten Dank! Die beiden taten ebenfalls alles, um die Angst zu verringern und bewirkten, dass man sich beinahe wohl fühlte. Ganz wohlfühlen werde ich mich beim Zahnarzt wohl nie, aber dazu gehören sicher die wenigsten. Ich entschwebte in den Bahnhof, lächelte den Beamten an, bei dem ich die Fahrkarte nachlöste, unterhielt mich mit einer rüstigen Oma auf der Heimfahrt, auch da wurde viel gelacht.
Ohne jegliches Selbstbewusstsein fuhr ich morgens fort und mit meinem alten, nein, noch erheblich gesteigerten kehrte ich nach Hause zurück. Ich konnte wieder lachend durch die Gegend ziehen, brauchte mich nicht mehr zu verstecken. Ich hatte es geschafft und wirbelte wieder durch den Tag, dass meinen Mitmenschen schwindlig wurde.

Und das nächste Klassentreffen sage ich garantiert nicht ab.

Und noch ein Erfolgserlebnis gibt es zu berichten. Vor zwei Wochen musste sich mein Mann einer kieferchirurgischen Operation unterziehen. Sie wurde ambulant beim Kieferchirurgen durchgeführt. Ich fuhr ihn nicht nur hin, sondern wartete, nachdem ich meine Besorgungen erledigt hatte, auf ihn, und zwar in der Praxis! Ich redete kurz mit dem behandelten Zahnarzt, der mir detailgetreu schilderte, wie er vorgegangen war. Selbst der Geruch machte mir kaum mehr etwas aus. Noch vor zwei Monaten wäre daran gar nicht zu denken gewesen, ich, die es nicht einmal mehr fertig brachte einen läppischen Termin zu vereinbaren, wartete nun zwei Stunden in einer Zahnarztpraxis! Hätte H. sich diesem Eingriff früher unterziehen müssen, hätte ich ihn zwei Straßen vorher abgesetzt.

Morgen habe ich wieder einen Termin bei Dr. M. und ich sehe diesem nun gelassen entgegen. Keine Ahnung was auf mich zukommen wird, aber mit seinem einfühlsamen und beruhigenden Wesen wird er sicher auf mich einwirken, dass ich auch dies schaffe. Und ich finde seine Methode, die Konfrontation, das allmähliche Heranführen, effektiver als eine Behandlung in Vollnarkose, denn nur so kann ein Angstpatient angstfrei werden.