Erfahrungsbericht Olli 2004
ERFAHRUNGSBERICHT Olli - 2004
Meine Leidensgeschichte – 25 Jahre bis zum Happyend
Nachdem ich in diesem Forum nun viele Beiträge gelesen habe (ich habe auch früher schon ein paar Mal vorbeigeschaut, aber nach dem Lesen von ein paar Beiträgen bin ich jedes Mal schon in Tränen ausgebrochen, dass ich abbrechen musste) will ich euch heute mal meine Geschichte zum Besten geben, da diese wohl doch noch ein bisschen extremer ist, als dass, was die meisten User zu berichten haben.
Der Unterschied? Nun ich habe sogar vor allen Ärzten Angst, wurde durch die Angst zum Alkoholiker und letztlich war im Gegensatz zu den Beiträgen die ich hier gelesen habe, an meinen Zähnen nun absolut gar nichts mehr zu retten.
Meine Geschichte beginnt mit mir als kleinem Jungen, der bei der Schulzahnarztuntersuchung seinen ersten Wisch bekommen hat. Meine Mutter war schon damals voll berufstätig, so dass meine Oma (für mich in allen anderen Dinge die Beste!) mit mir zum Zahnarzt ging.
Es war auch gar nicht sooooo schlimm, denn es wurde nur ein bisschen gebohrt und nichts gezogen. Allerdings war der Zahnarzt so ein Typ Schreckgestalt und gab sich auch so, so ein Offizierstyp halt, Befehlston und sah aus wie der alte Paul Kuhn (Kappellmeister früher im Fernsehen). Die Behandlung hatte somit schon mal einen schlechten Eindruck bei mir hinterlassen. Ein paar Jahre später, ich war 10 oder 11 Jahre alt, war mal wieder die jährliche Schulzahnarztuntersuchung fällig und ich erhielt meinen nächsten Wisch. Wieder Oma, wieder Zahnarzt und diesmal wurde gezogen. Mein Geweine und meine Angst vorm Ziehen von Zähnen beantwortete meine Oma mit den Worten: „Stell dich nicht so an“ und „ist doch alles halb so schlimm“ dazu wieder der Befehlston von diesem Typ Marke Frankenstein. Bei dem Besuch wurden nur 2 Zähne gezogen und der Zahnarzt fragte nach, ob der Backenzahn auf der anderen Seite auch gleich gezogen werden soll, weil der auch noch raus müsse. Ich antwortete, bitte beim nächsten Mal und ich schwor mir in diesem Moment, dass ich da nie mehr hingehen werde! Von da an war ich bei allen Schulzahnarztuntersuchungen stets krank oder schwänzte dann entsprechend die Schule.
2 Jahre später hatte ich einen Schulunfall, bei dem mir Strecksehne eines Fingers riss. Nachdem ich meinen Hausarzt aufgesucht hatte, der sich die Verletzung anschaute und meinte, dass die Sehne durch Ruhigstellung und Schiene wieder zusammenwachsen könne, musste ich noch zum Unfallarzt, weil es eben ein Schulunfall war und es ging da wohl um versicherungsrechtliche Fragen. Ich wieder mit meiner Oma zu dem Unfallarzt und da stand das Ebenbild dieses Paul Kuhn Zahnarztes wieder vor mir. Gleiches Aussehen, gleicher Tonfall und gleicher Horror. Sofort ins Krankenhaus und OP, nix Schiene und gleicher Spruch der Oma zum panisch weinenden Enkelsohn: Stell dich nicht so an!
Von da an war es nun auch mit normalen Ärzten bei mir vorbei und ich traute niemandem mehr außer mir selbst und meinem „Selbsterhaltungstrieb“.Ich war dann ca. 10 Jahre lang bei überhaupt keinem Arzt mehr.
Mit knapp 20 Jahren wurden dann meine Zahnprobleme immer schlimmer, dass heißt der erste beim leichten Grinsen sichtbare Backenzahn hatte schon ein großes Loch. Lachen gab’s
fortan fast überhaupt nicht mehr und Freundinnen kamen und gingen, zumeist weil es früher oder später immer wieder Diskussionen um die Zähne gab. Der Alkohol wurde mehr und mehr mein Freund, Ängste, Frust, alles spülte ich damit runter, insbesondere die tägliche Marterei, ständig an Zähne und Zahnarzt denken zu müssen.
Tja, es ging dann gesundheitlich ordentlich mit mir ab, bis sich bei mir die Panikattacken schon selbstständig gemacht hatten. Das gibt es wirklich!!! Nachdem ich von ständigen Schwindelgefühlen, Hitze- und Kälteattacken und Herzrasen gepeinigt wurde, entschloss ich mich dann unter größten Bedenken, wenigstens einen Allgemeinarzt im Ort aufzusuchen, vor allem weil ich mir gar nicht bewusst war, was ich habe. Ich bin dann dorthin, weil ich schon Todesängste hatte und ich wollte doch leben.
Der Arzt war wirklich sehr einfühlsam und erklärte mir nach einer Untersuchung, dass ich an Alkoholentzug leide und außerdem auch noch an Bluthochdruck. Ich versprach nie mehr zu trinken und erhielt ein Mittel, dass Entzugserscheinungen minimiert und außerdem Medikamente gegen meinen Bluthochdruck. Schnell ging es mir dann wieder besser und ich konnte wieder ein normales Leben führen.
Wieder kamen und gingen die Freundinnen, wieder zumeist wegen den Zähnen und beim Trinken war ich auch wieder sehr gut dabei. Diese Phase dauerte wieder bald 10 Jahre bis ich meine jetzige Lebensgefährtin kennen lernte. Sie wurde bereits nur wenige Monate nach dem Kennen lernen schwanger und gebar meinen Sohn. Zu der Zeit dann verschlechterte sich mein Allgemeinzustand wieder zusehends, die Panikattacken kamen wieder täglich und wurden immer heftiger. Das ging bis zu dem Tag, als ich nicht mehr arbeiten gehen konnte. Ich war an dem Tag bedient und überlegte wirklich, mir das Leben zu nehmen. Nachdem ich mich dann den ganzen Tag über betrank schaffte ich es schließlich, allen Mut aufzubringen und meinen Hausarzt abends um 23.00 Uhr einfach zu Hause anzurufen. Ich offenbarte mich unter Tränen, dass ich seit Jahren wieder trinke, mit all meinen Problemen mit mehr zurecht käme und wegen der Panikattacken nicht mal mehr arbeiten könne. Er sagte mir, er wolle mich sofort zum Entzug einweisen lassen und dass man mir schon helfen könnte. Ich antwortete, dass ich auf keinen Fall bereit bin, in ein Krankenhaus zu gehen, eher würde ich sterben wollen. Wir einigten uns schließlich auf einen Hausentzug, aber mit allem drum und dran. Ich musste sofort meine Lebensgefährtin in meine komplette Vorgeschichte einweihen und die Bedingung zu dieser Therapie war eine zeitgleiche Psychotherapie bei einer Suchtberatungsstelle. Tja, was soll ich sagen, bei der Psychotherapie kam dann heraus, dass ich Angsttrinker war und sich meine Ängste im Laufe der Jahre verselbständigt hatten, so dass ich sogar Angstzustände bekam ohne dabei an etwas Spezielles denken zu müssen. Es wurde nach der Wurzel gesucht und letztlich schloss sich der Kreis bei meiner Oma und den Paul Kuhn Gedenkärzten! Der Psychologe wollte mich schließlich sogar zum ersten Zahnarztbesuch begleiten, nachdem klar war, dass dort die größte und verborgenste Angst meines Inneren begründet ist.
Leider kam es dann nicht mehr dazu, da er Bescheid meines Rentenversicherungsträgers bekam, dass diese meine Therapie nicht bezahlen wolle, da es sich nicht um ein staatlich anerkanntes Beratungszentrum handele (es war ein e.V.). Ich hätte also jede Sitzung mit ca. 80 DM selbst bezahlen müssen und das konnte ich nicht! (Ich weiß übrigens bis heute nicht, warum so eine Therapie über den Rentenversicherungsträger läuft und nicht über die Krankenkasse!).
Dennoch hatten mir die Sitzungen soviel gebracht, dass ich nunmehr seit über 5 Jahren keinen Alkohol mehr trinke (oder fast nie mehr, mal ein Bier oder ein Glas Sekt zu Silvester schon). Meine Zahnarztphobie allerdings blieb und ich verdrängte den Gedanken immer wieder.
Meine Frau, die selbst auch nicht die besten Zähne hatte als ich Sie kennen lernte, hatte sich dann vor 3 Jahren ihre Zähne sanieren lassen und hat seitdem ein schönes Gebiss. Ich sagte Ihr damals, dass ich sie für ihren Mut bewundere und ihr neues Lachen toll finde, ging aber schnurstracks zur Tagesordnung über, um nur nicht weiter über Zähne reden zu müssen. Je schöner Ihre Zähne nun waren umso mehr bergab ging’s nun mit meinen. Alle Frontzähne gingen nun nach und nach auch über den Jordan, brachen ab oder waren von Karies zerfressen, alle hinteren Zähne waren eh schon Geschichte. Die Karieslöcher und Lücken an den Vorderzähnen begann ich nun mit Sekundenkleber zu bekämpfen! Sekundenkleber wird nach Erhärtung für ne Zeitlang weiß und somit konnte ich erstmal wieder tricksen!!! Natürlich hielt das nicht lange und musste stetig erneuert werden. Außerdem förderte das noch das Kaputtgehen der letzten vorhandenen minimalen Zahnsubstanz.
Seit gut 2 Jahren hatte ich dann eigentlich gar keine Zähne mehr, was ich noch im Mund hatte, das war eine selbst gebastelte Masse aus Sekundenkleber und weißem Kunststoff (z.B. weiße Kugelschreiberhülsen, die ich mir zurecht schnitt und ne Art Zahn draus machte. Das ganze sah natürlich unbeschreiblich übel aus, ich kann’s kaum beschreiben, aber so konnte ich wenigstens noch normal sprechen. Außerdem lernte ich zu sprechen und dabei den Mund nur minimal öffnen zu müssen. Wie ich seitdem aus dem Mund roch möchte ich hier lieber nicht beschreiben. Die ständigen Eiterherde überall im Mund kamen auch noch dazu. Ich öffnete Eiterblasen immer mit Stecknadeln, die ich zuvor mit einem Feuerzeug erhitzt hatte.
Meinen guten Job als Einkäufer in meiner Firma behielt ich auch immer, wohl auch deswegen, weil mein Chef seit Schulzeiten auch mein Freund ist, obwohl ich eigentlich für die Firma kaum noch tragbar war (sag ich jetzt einfach mal selbst) unabhängig davon, dass ich natürlich gute Arbeitsleistung vollbringe. Aber Vertretergespräche, Verhandlungen zu führen, ohne seinem Gegenüber richtig in die Augen schauen zu können, na ja......
Vor 7 Monaten war es dann aber soweit, die totale Katastrophe kam über mich. Meine Lebensgefährtin eröffnete mir, dass sie mich mit meinem über alles geliebten Sohn verlässt, da sie sich mit mir vor allen Leuten so schämen würde, sich vor mir selbst auch nur noch ekeln würde, sie könnte mich nicht mehr küssen und an Sex wäre ohnehin so nicht mehr zu denken (den es schon ein Jahr lang nicht mehr gab). Jedes Gespräch über einen Zahnarzttermin würde ich sofort unterbinden oder sie immer wieder aufs Neueste vertrösten. Sie wäre mit Ihrer Kraft am Ende und würde nun gehen, da sich bei mir ohnehin nie etwas ändern würde.
Das war dann endlich für mich der D-day! Ich konnte an dem Abend nicht schlafen und für mich stand fest, dass es nun nur noch 2 Alternativen gab. Selbstmord oder Zahnarzt!!!!! Ich wollte meine Familie für keinen Preis der Welt verlieren, denn das kam für mich einem Selbstmord gleich und hätte mir alles genommen, was für mich überhaupt Bedeutung hat.
Am nächsten Tag fiel ich dann vor ihr auf die Knie, bettelte wie ein kleiner Junge unter Tränen um eine letzte Chance. Sie gewährte mir nach hin und her dann 4 Wochen Schonfrist bis zu Ihrem Auszug, eröffnete mir aber gleichzeitig, dass sie mich momentan nicht mehr lieben würde und sie mir keine falschen Versprechungen machen wolle. Außerdem wisse ich ja, wo ich die Adresse und Telefonnummer des Zahnarztes finde, den sie mir mal vor längerer Zeit aufgrund eines Berichtes bei RTL, Stern TV mit Günter Jauch, im Internet herausgesucht hatte (natürlich über www.oralophobie.de).
Ich war nun so in die Ecke gedrängt, dass ich anders einfach nicht mehr konnte. Am nächsten Tag, der Ohnmacht und einem Herzinfarkt mehr als nahe, griff ich dann zum Hörer und wählte die Nummer von Dr. C. in H. Eine überaus nette Dame war am Apparat und ich erzählte ihr von Stern TV und dem Internet und von woher ich die Nummer hätte und dass ich Phobiker bin und dringendst Hilfe benötige. Die Dame war so nett und einfühlsam und wir vereinbarten dann einen Termin, den ich natürlich gleich wieder vier Wochen in die Zukunft legte unter dem Vorwand vorher nicht zu können. Meiner Frau erzählte ich, dass ich leider vorher keinen Termin hätte bekommen können, was natürlich schon wieder ne Lüge war. Tja, aber auch die 4 Wochen vergingen natürlich und der große Tag stand tatsächlich bevor. Ich konnte nun nicht mehr zurück ohne alles zu verlieren und machte mich, dem Aussehen nach einer Leiche gleich, auf den Weg nach H. Ich fuhr wie in Trance und hatte mich quasi schon von meinem Leben verabschiedet. Ich dachte wirklich, ich werde den Tag nicht überleben. An der Praxis angekommen, stand ich dann wie ein begossener Pudel vor der Tür, bestimmt 10 Minuten lang und überlegte ob ich nun hineingehe oder nicht!
Mein Leben lief noch einmal wie ein Film vor mir ab und dann passierte was Komisches. Irgendwie aus meinem Inneren heraus war das wie eine Stimme, die da zu mir sagte: Du gehst da jetzt rein! Und ich ging tatsächlich rein! Die Praxis ist im ersten Stock des Hauses und ich krallte mich förmlich am Hausflurgeländer fest. Dann stand ich vor der Tür, gepeinigt von einer Schwindelattacke, und ging rein. Der erste Moment war schon wie eine Befreiung. Es stank nicht typisch nach Zahnarzt/Krankenhaus. Ich stotterte mir nun vor der Praxishelferin einen ab, die mich mit einem Fragebogen dann in den Warteraum bat. Ich füllte diesen Phobikerbogen dann zitternd aus, ich konnte quasi auf jede gestellte Frage immer nur mit ja antworten. Alles was da stand, traf immer 100 % auf mich zu. Ich gab den Fragebogen dann mit zitternden Knien wieder an der Anmeldung ab und ging zurück in den Warteraum, in dem ansonsten niemand saß. Keine Minute später kann dann die nette Helferin zu mir in den Warteraum und diese würde, was ich nicht wusste, mich an diesem Tag nicht eine Sekunde mehr alleine lassen. Sie saß neben mir und fragte mich dann mehr und mehr in einer fantastischen sensiblen Art um meine Vorgeschichte aus. Unter Tränen sprudelte es dann immer mehr aus mir raus, das erste Mal in meinem Leben erzählte ich jemandem meine Geschichte. Es war wie eine Befreiung und ich hätte nicht im Traum auch nur annähernd an so etwas wie Verständnis gedacht. Wie mir dann erzählt wurde, dass quasi täglich Patienten in die Praxis kommen, die alle mit diesen Ängsten zu tun hätten, war für mich schon unvorstellbar, aber irgendwie auch beruhigend.
Ich weiß nicht mehr, wie viel Zeit bereits vergangen war, aber plötzlich stand Dr. C. im Wartezimmer und bat mich ins Behandlungszimmer. Ich antwortete, dass ich dazu nicht die Kraft habe und so wurde das Gespräch kurzerhand in die Teeküche der Praxis verlegt, ohne weitere Fragen, Gestiken oder sonst was. Ich taute nun förmlich auf, merkte gar nicht, dass ich kein Herzrasen mehr hatte und erzählte ihm praktisch meine hier geschilderte Geschichte noch einmal.
Schlussendlich endete das Gespräch dann damit, dass er nun eine Röntgenaufnahme meines Gebisses machen müsse, um alles weitere mit mir absprechen zu können. Ich antwortete sofort, dass bei mir eh nix mehr zu retten ist, weil einfach keine Zähne mehr da sind. Jedenfalls wurde die Aufnahme dann gemacht und er sagte mir anschließend, dass ich Recht habe und wirklich alles raus muss. Er sprach dann die 2 Möglichkeiten an, lokale Betäubung oder Vollnarkose, wobei er mir dann aufgrund meiner Vorgeschichte zur Vollnarkose riet.
Eine Stunde ambulanter OP und alles wäre vorbei. Zwei Stunden später könne ich wieder nach Hause. Einmal kurz schlafen gegen 25 Jahre Pein, die Entscheidung viel sofort und nicht schwer. Ich bekam dann weitere Zahnarzttermine für die Abdrücke und die Adresse der Narkoseärztin Frau Dr. W., mit der ich noch ein Narkosevorgespräch führen müsse.
Mit welchem Triumphgefühl ich anschließend nach Hause fuhr, kann wohl jeder nachempfinden. Und ich hatte mir schon einen neuen Trick überlegt, wie ich meiner Frau gegenüber gleich „besser“ in Erscheinung treten könnte. Ich kaufte mir in der Spielwarenabteilung eines Kaufhauses ein paar Draculagebisse aus Plastikkunststoff, die ich mir zurechtschnitt und wieder mit Sekundenkleber in meinen Mund befestigte. Dass sah schon wesentlich besser nach Zähnen aus und gab mir für sofort auf Anhieb ein kleines neues Lebensgefühl. Meiner Frau und meinen Freunden erzählte ich, dass dies ein Provisorium des Zahnarztes wäre, damit ich wenigstens unter Menschen gehen könnte. Alle glaubten mir tatsächlich und die nähere Zukunft war damit wenigstens mal gesichert. Alles lief plötzlich besser und auch zwischen meiner Frau und mir ging’s nun wieder aufwärts.
Die nächsten Termine nahm ich nun auch wahr und hatte wie von Geisterhand nicht mal mehr ein Problem damit, ein Behandlungszimmer zu betreten, was übrigens heutzutage ganz anders aussieht, als noch vor 25 Jahren.
Schließlich hatte ich dann den Termin bei der Narkoseärztin, vor dem ich dann aber wieder großen Bammel hatte, da ich nicht wusste, was mich dort erwarten würde. Meine Frau begleitete mich dahin und es war alles wieder wie bei Dr. C. Unendliches Verständnis, behutsames Vorgehen, auch dort schwanden meine Angstgefühle wieder innerhalb von Minuten. Ich äußerte dort dann noch, dass ich auch Riesenmuffe vor einem OP-Raum hätte und die Ärztin, Frau Dr. W., entgegnete mir, ich könne mir ihn anschauen und er sähe nicht wie ein typischer Krankenhaus OP aus. Ich lehnte jedoch dankend ab uns äußerte, dass ich dann sicherlich bis zum OP Tage jede Nacht davon träumen würde und ich dies nicht wolle, was ohne weiteres Nachhaken sofort akzeptiert wurde. Letztlich wurde mir dann noch mitgeteilt, dass ich wg. Bluthochdruck, weil ich so blass wäre etc. noch EKG, Blutbild und ein paar Sachen beim Hausarzt machen lassen müsse, die vor der OP benötigt würden. Gleichzeitig wurde auch sofort der OP-Termin vereinbart, der am 22.09.04 stattfinden sollte.
Sollte wohlgemerkt, wann läuft bei mir schon mal etwas glatt! Die notwendigen Hausarztuntersuchungen verschob ich natürlich wieder bis auf den letzten Drücker, eine Woche vor OP. Zwei Tage vor der OP sollte ich dann die Ergebnisse beim Hausarzt abholen und dann traf mich fast der Schlag. Keine OP, zu schlechte Blutwerte durch hohen Blutverlust. Mein Arzt befragte mich und ich musste dann schließlich zugeben, dass ich schon seit längerer Zeit eine Hämorride und häufig Blut in Stuhl habe. OP also abgesagt, erstmal diese Sache behandeln. Mein Hausarzt sagte mir, dass ich mind. 2 Monate brauche, bis sich die Werte wieder erholt haben, vorausgesetzt die Blutungen werden gestoppt. Durch Salben, richtiges Stuhlverhalten etc. hab ich das tatsächlich dann in den Griff gekriegt. Allerdings nahm ich den letzten ZA Termin dann nicht mehr wahr, da ich mir die Fahrerei in der Zwischenzeit schenken wollte (280 km jedes Mal pro Besuch). Und ehrlich gesagt, je mehr Zeit verging, umso weiter weg war wieder der Zahnarzt und ich fing schon wieder an, Pläne zu schmieden, wie ich denn um alles herum kommen könnte, da es ja zu Hause auch wieder lief. Verrückt, oder????
Mitte November rief dann aber die Praxis an und fragte nach, wie es denn ausschauen würde, wir müssten nun mal weitermachen, da mein genehmigter Heilkostenplan am Jahresende auslaufen würde. Mann gut, dass ich von dem Anruf so überrascht wurde, dass ich sofort entgegnete, dass wir einen neuen Termin machen könnten und ich neue Blutwerte beim Hausarzt machen lassen würde. Die Praxishelferin hatte das Gespräch wirklich geschickt geführt, im Nachhinein muss ich sagen, dass ich da irgendeinem Psychotrick aufgesessen war, der bei mir 100 % Erfolg hatte. Na ja, der neue Termin Anfang Dezember bei Dr. C. stand jedenfalls und auch meine Blutwerte hatten sich jetzt lt. Hausarzt gravierend verbessert.
Beim letzten ZA Besuch wurde dann noch die Feinabstimmung der Prothese gemacht und ehe ich mich versah, hatte ich einen neuen OP-Termin: 22.12.04. Es war kein anderer Termin in diesem Jahr mehr frei und so hatte ich wenigstens noch knapp 3 Wochen Gnadenfrist bis zum Tag der Tage! Die Zeit raste nun förmlich und mein Angstgefühl kam wieder stärker und stärker. Gott sei Dank steigerte ich mich aber nicht wieder in einen Wahn hinein und so kam wie es kommen musste, der 22. war gekommen. Meine Frau fuhr mich zur Tagesklinik und ich wunderte mich ein wenig über mich selbst, dass ich im Wagen keine Panikattacken bekommen habe. Ich döste die meiste Zeit und plötzlich waren wir da. Beim Aussteigen aus dem Auto kam es dann über mich. Ich weinte, sagte meiner Frau, ich habe solche Angst, ich will das nicht. Das gleiche dann noch einmal im Hausflur des Ärztehauses. Mein Frau war aber resolut und sagte, wenn ich jetzt gehe, geht sie auch, allerdings von mir weg! Das war wohl der Arschtritt den ich jetzt brauchte, denn meine Beine bewegten sich nun wie von selbst bis zur OP Praxis, bei Verstand war ich aber mit Sicherheit nicht! Ich atmete heftig und kurz als ich die Praxis betrat, die Tränen liefen noch an mir herunter. Aber sofort wurde ich wieder ganz gefühlvoll in Empfang genommen und alles lief ohne Zeitdruck ab. Erst die „Scheissegal Tablette“, dann OP Hemdchen an und rein in ein Bett im Aufwachraum. Ich hatte das Gefühl, diese blöde Tablette wirkt bei mir nicht, ich hatte noch immer Angst, doch im Nachhinein muss ich zugeben, die hat garantiert eine ganze Menge gewirkt.
Dann schließlich kam der Moment wo ich in den OP geschoben wurde, meine Frau durfte auf meine Bitte hin mit rein und hielt meine Hand bis ich eingeschlafen war. Der Pieks war übrigens kaum zu spüren und meine Frau sagte mir hinterher, es hätte keine 10 Sekunden gedauert und schon wäre ich weg gewesen. Als ich wieder aufwachte, war alles schon vorbei, und ich hatte sogar kaum Schmerzen, einkleines Ziepen hier und da war alles. 1 ½ Stunden später durfte ich nach Hause und dort angekommen in den Spiegel geschaut konnte ich es kaum glauben. Ich hatte außer einer ganz kleinen Schwellung an einer Backe gar nichts! Nix blau, nix verschwollen, gar nichts. Und dass, obwohl mir alle Zähne bzw. dass was davon übrig war, gezogen wurden.
Und jetzt kann ich endlich zum ersten Mal seit über zwei Jahrzehnten unbeschwert Weihnachten feiern ohne einen riesen Sack Ballast mit mir herumzutragen. Endlich nicht mehr diese verlogenen Vorsätze, nächstes Jahr geh ich aber zum Zahnarzt oder erstmal fahre ich noch mal in Urlaub und gehe dann etc. etc. Ihr kennt das ja!!!!!
Meine wunderschöne Zahnprothese habe ich aber noch nicht dauerhaft im Mund, dass tut beim Einsetzen noch weh an ein paar Stellen, da die Wunden natürlich noch nicht richtig zu sind. Die stehen aber eben genau hier neben mir und lächeln mich an. Was für ein tolles Gefühl, es ist als wäre ich noch mal neu geboren worden.
Ach so, eins noch, ich hatte übrigens sieben schwerste Entzündungsherde an meinen Zahnresten. Die Narkoseärztin soll meiner Frau gesagt haben, dass ich das nächste Weihnachtsfest ohne OP wohl nicht mehr erlebt hätte......
Euch allen alles Gute für das neue Jahr, ich hoffe ein wenig dazu beitragen zu können, dass wieder der ein oder andere vielleicht auch den Mut aufbringt, sich ebenfalls behandeln zu lassen, denn dann waren die 5 Stunden Arbeit, die das Schreiben meiner Geschichte erfordert hat, ganz bestimmt nicht umsonst.
Olli



